Anthroposophie eng und weit

Wenn ich an die von Rudolf Steiner begründete Anthroposophie denke, denke ich sie immer eng und weit. Vielleicht reicht das nicht aus, dient mir aber zur Orientierung.

2te Goetheanum von Westen

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Anthroposophie ist eine Wortschöpfung, die als Ergänzung zur Philosophie gebildet wurde. Das hat Rudolf Steiner meines erachtens deutlich gemacht, indem er zum Beispiel seinen Verlag philosophisch-anthroposophisch nannte. Ein anderer Begriff, den Rudolf Steiner verwendet hat, ist Geisteswissenschaft. Dieser Begriff öffnet einen weiten Horizont an akademischen und kulturwissenschaftlichen Ansätzen und Tätigkeiten. Zudem gibt es drei Schritte der Anthroposophie Rudolf Steiners: Wissenschaft, Kunst und Religion. Wobei Religion (unter anderem) als gesellschaftlich gemeinschaftliche Praxis zu verstehen ist.

Anthroposophie im engeren Sinne bezieht sich auf das Werk Rudolf Steiners und die direkt daran anknüpfenden Arbeiten, Arbeitsweisen und Institutionen. Daneben gibt es die Anthroposophie als Wesen. Diese Anthroposophie ist etwas, auf das Rudolf Steiner sich bezogen hat. Im Hinblick auf diese Anthroposophie ist Rudolf Steiner nur ein, wenn auch wesentlicher Anthroposoph. Das denke ich so, dass zum Beispiel Aristoteles, Platon, Hegel, Kant, Adorno und Sartre wichtige Philosophen waren, sie haben aber nicht die Philosophie verwirklicht und jeder einzelne ist kein vollständiger Repräsentant der Philosophie. Sie alle beziehen sich jedoch auf eine Praxis, die vor Sokrates bestand, die aber durch Sokrates neu geformt wurde.

So sehe ich auch Rudolf Steiners Tätigkeit. Er ist ein Sokrates, der bestehende Praktiken neu gefasst hat. Es wird also Zeit, die Anthroposophie weiter zu denken und nicht auf Rudolf Steiner zu beschränken. Anthroposophie im weiteren Sinne ist etwas, das bereits nicht nur vor Rudolf Steiner vorhanden war, sondern auch zeitgleich zu Rudolf Steiner an anderen Orten verwirklicht wurde. Selbstverständlich lebt Anthroposophie auch nach Rudolf Steiner in anderen Menschen. Ein Kennzeichen der Anthroposophie ist das Bewusstsein, dass man sich anthroposophisch betätigt. So wie Philosophie ja auch nicht einfach so passiert, sondern dann, wenn man sich philosophierend betätigt.

Das zentrale Problem ist, dass anthroposophieren so ein weites Feld umschreibt. Es ist nicht nur eine bestimmte Haltung und Art zu denken. Und auch das Philosophieren lässt sich ja schon nicht leicht fassen. Ich denke aber, dass diese Schwierigkeit uns nicht daran hindern darf, Anthroposophie auch weiter zu denken. Ein Ansatz für mich ist, alle diese Begriffe beiseite zu lassen und einen anderen anzuschauen, den Rudolf Steiner ebenfalls einsetzte: Initiation oder Einweihung. Anthroposophie könnte demnach als eine Initiationswissenschaft, Initiationskunst und Initiationskultus betrachtet werden. Damit gewinnen wir eine Voraussetzung, die oben noch nicht vorlag: die Initiation. Die Grundlage der Initiation ist die Geistesschulung oder der Schulungsweg. Ohne Schulungsweg keine Anthroposophie.

Schauen wir auf die Schulung und den Schulungsweg, dann finden wir, dass Rudolf Steiner zwar auch eigene Wege beschreibt, wie Schulung aufgebaut werden kann. Zugleich bezieht er sich aber auch auf andere Initiationstraditionen. Anthroposophie im weiteren Sinne ist die Beschäftigung mit heute wirksamen, lebendigen und für das allgemein Menschlichen sinnvolle und hilfreiche Initiationspraktiken, die zukunftsfähig sind. Hier öffnet sich ein eigenes Untersuchungsfeld. Und es eröffnet sich ein Beziehungsfeld, wie es Rudolf Steiner in den Vorträgen zur Weihnachtstagung charakterisiert hat. Denn Die Schulung in Anthroposophie sucht man vor allem dann, wenn man in früheren Leben bereits in Mysterien- oder Initiationszusammenhängen gelebt hat.

Anthroposophie im weiteren Sinne ist für mich (vorläufig) die bewusste schulungsorientierte und individuell motivierte Beschäftigung mit aktuell wirksamen Initiationsstraditionen im Hinblick auf das allgemein Menschliche und mit Bezug auf die durch Rudolf Steiner erarbeiteten Grundlagen.