Historiker

Mein Interesse an der Geschichte begann in der 10. Klasse auf dem Gymnasium.  Und zwar mit einer Irritation. Ich hatte den Eindruck, dass die von unserem damaligen Lehrer zum Studium ausgewählten Textstellen in unserem Schulbuch und auf den verteilten Kopie ein zu stimmiges Bild ergaben. Dieses Bild hatte eine deutliche Tendenz und diente nicht mehr der Meinungsbildung und Auseinandersetzung, sondern enthielt eine politische Botschaft. Das wurde mir aber erst nach und nach klar.

Dieser Umstand weckte meinen Widerstand und ich stellte fest, dass sich der Lehrer in einer persönlichen Krise befand und politischen Halt in einer in sich scheinbar stimmigen Ideologie suchte. Das er nun auch uns Schüler da mit hineinzog, war nicht ganz im Sinne des Lehrplans.

Damit machte ich eine Entdeckung, die in mir eine grosse Frage über die Verlässlichkeit der Geschichtsschreibung weckte. Ich begann Geschichte als Geschichten, als Erzählungen oder Berichte zu verstehen, die von Menschen mit Interessen und Problemen verfasst werden. Und von da ab unterschied ich deutlicher als zuvor Geschichten und Fakten. In der Geschichtsschreibung kommen Fakten aber vor allem mit oder in Geschichten vor. Und erst in Geschichten machen die Fakten Sinn.

Geschichte ist also ein Erzählen von Fakten im Hinblick auf einen spezifischen Sinn. Denn die Darstellungen machen uns die Vergangenheit bewusst und erklären damit zumindest teilweise, warum unsere Gesellschaft und unser Leben so ist, wie wir es vorfinden. Und vielleicht gibt es aus der Geschichte Erfahrungen zu extrahieren, die uns bei der Bewältigung der Gegenwart helfen.

Mir gefällt in diesem Zusammenhang die Einführung des Begriffs der Meme in Analogie zu dem der Gene.

Meme – als Erinnerungsmuster und Programme – sind sicherlich eine soziale, kulturelle und psychische  Realität. Wie genau wir die Wirkungs- und Arbeitsweise von Memen (oder auch Genen) erfassen können, hängt wie zumeist in der Wissenschaft von den verwendeten Modellen und Methoden sowie den leitenden Interessen ab.

Im Studium hat mich vor allem die Geschichte Europas in Mittelalter und Neuzeit interessiert. Dabei hatte ich drei Interessenschwerpunkte: die Zeit der Karolinger, die Zeit um 1900 und die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Mich interessierte dabei unter anderem die Tendenz zur Bildung einer überregionalen, sozialen, wirtschaftlichen und administrativen Einheit, die sich in der Gegenwart in Form der EU oder dem EWR etc. konkretisiert.

In der Vergangenheit gingen diese Tendenzen mehrheitlich von Individuen aus oder wurden von diesen getragen. Angesichts der Korrumpierbarkeit von Individuen oder Familien gibt es einen immer klarer werdenden systemischen Ansatz wie ihn unter anderem Karl Popper charakterisiert hat.

Mit der Arbeit an einer gesellschaftlichen Organisation, die dem Zusammenleben der Menschen in der Natur und mit Kulturen dient, sind wir noch lange nicht am Ende. Das finde ich sehr spannend. Spannend finde ich auch die besondere Stellung der Schweiz in diesem Prozess.

Karl Popper Wikipedia Commons