Blumenreich Ägypten

Die Ausstellung Blumenreich Ägypten im Antikenmuseum Basel ist ein schöner Ort kultureller Erfahrung. Am gestrigen Sonntag habe ich an einer lebendigen und anregenden Führung zur (bis 29.3. verlängerten) Sonderausstellung teilgenommen.

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Der eigentliche Gegenstand oder Auslöser der Sonderausstellung ist auf den ersten Blick recht unscheinbar. Es sind (ich meine) 16 kleinere Zusammenstellungen getrockneter Blumenteile, die bei einer Ausgrabung um 1881 entdeckt worden waren. Das besondere an diesem Fund ist, dass er einen Zugang erlaubt zu den tatsächlichen Bestattungspraktiken des alten Ägyptens. Zugleich wird klar wie aktiv und geschickt die Ägypter die Ressourcen und vor allem auch die Blumen in ihre Rituale und Weltsicht eingebaut haben.

Die Grundlage der alt Ägyptischen Kultur war eine genaue Beobachtung und Analyse der Rhythmen und Gestaltungsprinzipien der Natur im Niltal.

Aus diesen leitete sich ein Unsterblichkeitsglaube ab, der meine eine Theorie auf der Basis von Beobachtung als eine Formulierung psychohygiensicher Hilfsvorstellungen darstellt.

Auf eine beeindruckend klare, sorgfältige und fröhliche Weise haben die Ägypter eine präzise Vorstellung der zyklischen Erneuerung der Natur und aller Lebewesen in ihr gebildet. In diese zyklische Erneuerung haben sie selbstverständlich den Menschen miteinbezogen. Und sie haben erkannt, dass der Mensch nicht nur als Naturwesen dem Werden und Vergehen unterliegt, sondern auch der eigene Geist als erlebendes und gestaltendes Innenwesen.

Allerdings wird der Geist nach dem Tode einer Reihe von Prüfungen unterzogen, um herauszufinden, ob er wirklich schon Bestand haben kann. Um Bestand zu haben, muss der Mensch einiges können. Dazu gehören Selbstbeherrschung, Sprachbeherrschung, Formelwissen und Gemeinwohlorientierung.

Daher wurde um den Tod herum eine intensive kultisch-rituelle Handlungswelt aufgebaut. Zu dieser gehörten nicht nur die bleibenden Formen der Architektur oder Kunst, sondern eben auch die Blumen und Blüten dieser besonderen Natur- und Kulturlandschaft am Nil.

Blumen sind ausgesprochen vergänglich. Das Herstellen aufwendiger Kränze, Girlanden und Schmuckketten wird trotz der geringen Haltbarkeit durchgeführt. Solche Aktivitäten sind selber Vergegenwärtigungen der Vergänglichkeit und weise über das Tätigsein und die Intention der Tat bereits über diese hinaus.

Wenn solche blütenzarte Schmuckfunde in Spuren nach über 3000 Jahren bei einer Graböffnung gesichert werden, dann berührt das nochmals besonders. Und angesichts einer Welt voller Unsicherheiten wird das Zubereiten von Blütenschmuck zu einem besonderen Weckruf.

Es sind für mich die Vorbereitungen auf die nachtodlichen Prüfungen und die Erinnerung an das ewige Werden und Vergehen, was mir sowohl Menschlichkeit vergegenwärtigt als auch Wesentliches erkennbar macht.