Der Kernsatz von Rudolf Steiners Moralphilosophie

Der Kernsatz von Rudolf Steiners Moralphilosophie lautet: „Leben in der Liebe zum Handeln und leben lassen im Verständnis des fremden Wollens ist die Grundmaxime der freien Menschen.“ (Philosophie der Freiheit, Kap. IX). Dieser Satz ist es, der meiner Ansicht nach weit in die Zukunft weist. Denn diese Grundmaxime des freien Menschen ist (zurzeit) alles andere als naturgegeben. In seiner eigenen Einschätzung hat Rudolf Steiner prophezeit, dass seine Philosophie der Freiheit noch rund 1000 Jahre gültig sein wird.

Rudolf Steiner

Viele soziale Spiele gehen nach wie vor um Gewinnen und Verlieren oder um das Finden von Kompromissen. Im Gewinnen und Verlieren kann nur eine Partei die Liebe zum Handeln entfalten, in der Regel auf Kosten von denen, die verlieren Im Kompromiss verzichten alle Betroffenen auf die vollständige Entfaltung ihrer Liebe zum Handeln, weil sich kein Weg gezeigt, wie sich alle gleichzeitig entfalten könnten, ohne in Konflikt mit dem anderen zu geraten.

Zudem sind die Grundbedingungen dieses Kernsatzes keineswegs selbstverständlich. Denn es ist keineswegs immer die Liebe zum Handeln, die unser Verhalten oder unsere Aktionen bestimmen. Es sind auch Not, Trieb, Wut, Angst. Die erste Aufgabe ist also bereits eine rechte Herausforderung: Leben in der Liebe zum Handeln. Die andere Herausforderung ist vielleicht noch grösser: leben lassen im Verständnis des fremden Wollens. Denn es ist ja schon sehr schwer, ein wirkliches Verständnis des eigenen Wollens zu bilden und herauszufiltern, was das eigen Wollen motiviert. Denn unser Entstehen als individuelle soziale Wesen erfordert, dass wir in unserer Kindheit und Jugend zunächst einmal viel fremdes Wollen verinnerlichen. So zumindest funktioniert oft unsere Erziehung. Sie fordert dann, dass wir das fremde Wollen als unser eigenes Akzeptieren. Und das ist eine schwerwiegende Behinderung in der Entfaltung des eigenen Wollens und auch von der Herausbildung eines Verständnis des eigenen wie des fremden Wollens.

Es erscheint mir daher erforderlich, dass der Kernsatz von Rudolf Steiners Moralphilosophie tatsächlich etwas ist, was andere kulturelle Voraussetzungen verlangt, um gemeinsam ergriffen werden zu können. Es braucht eine Kultur, die nicht auf Dominanz setzt, sondern auf Reifung und Erfahrung sowie auf Unterscheidung und Offenheit. Reifung und Erfahrung könnten die Maximen der Bildungsarbeit sein. Der Mensch ist nicht allein ein Instinktwesen, sondern mehr als andere biologische Lebensformen auf das Lernen angewiesen. Reifung und Erfahrung brauchen also Lernvoraussetzungen. Ich denke, daran arbeiten die modernen Gesellschaften seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts bereits recht ordentlich. Die andere Voraussetzung ist mehr eine Bewusstseinsfrage. Denn Unterscheidung sollte nicht zur Abwertung oder Aussonderung führen, sondern zur Klarheit von Grenzen und Möglichkeiten. Zugleich braucht es die Offenheit, nicht nur für das andere, sondern auch dafür, sich selber immer besser und durch das Verständnis, das man für andere entwickelt, auch sich selber neu, besser und anders verstehen zu lernen.

Auf meinem bescheidenen Weg des Übens und Erprobens des Umgangs mit diesem Kernsatz habe ich bemerkt, dass man zwar die Angst vor dem Versagen, vor dem Behindertwerden in der eigenen Entfaltung und vor dem allzu Fremden (und vieles andere) nicht leicht und ohne weiteres los wird. Es bildet sich aber mehr und mehr eine neue Form der Selbstsicherheit aus, die Rudolf Steiner in seinen Vier Mysteriendramen als Wesenssicherheit nennt (Vgl. Johannes Thomasius, (Pforte der Einweihung, Achtes Bild). Diese Wesenssicherheit scheint mir eine Voraussetzung zu sein, auf der Die Grundmaxime des freien Menschen sich überhaupt erst entfalten kann.

Eine Aufführung der Vier Mysteriendramen am Goetheanum ist für Weihnachten 2016 geplant. Ich finde, es lohnt sich in diese Dramen anschauend einzutauchen.