Wissenschaft und Weisheit

Wissenschaft entsteht durch Studium und Experiment, Weisheit durch Denken und Erfahrung. Das eine schliesst das andere nicht aus, beide ergänzen sich vielmehr. Weisheitswissenschaften sind experimentelle Formen der Erfahrungsgewinnung durch Meditation, Alchemie oder Körperbeherrschung.

Goethes Faust kommt mit seinem Streben nach Erkenntnis dessen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“,  an eine Grenze, die er – in seinen Worten – mit Magie zu überschreiten versucht. Er will nicht einfach Metaphysik als Theorie studieren, sondern will theoretische Metaphysik mit Erfahrung verbinden. Dazu nutzt er symbolische Bilder als Meditationsgrundlage und hat sich offenbar auch in alchemistischen Experimenten (zusammen mit seinem Vater) versucht. Zugleich beherrscht er einige Sprüche (oder Mantren) der Gegenbeschwörung zur Abwehr schwarzer Magie.

Goethes Faust ist uns so nah, weil er lebensfreudig und persönlich alles anpackt, was ihn bewegt. Bloss theoretisches Wissen allein kann ihn nicht befriedigen. Denn grau mein Freund ist alle Theorie und am farbigen Abglanz haben wir das Leben. Erfahrunsgwissenschaft im Sinne von Goethes Faust muss also farbig sein und – wir würden heute vielleicht sagen – in 3D.

Johann Wolfgang von Goethe "Faust und Erdgeist", via Wikimedia Commons
Johann Wolfgang von Goethe „Faust und Erdgeist“, via Wikimedia Commons

In den Anfangsszenen von Goethes Dichtung lernen wir Faust kennen, wie er mit Hilfe von einem Buch (des Nostradamus) danach strebt, auf systematische und kontrollierte Weise neue Erfahrungen zu machen, um sich mit höheren Wesen zu beratschlagen. Es gelingt ihm dabei, den Erdgeist in einer Erscheinung zu erfassen. Er hört und erlebt den Erdgeist in einem Gesicht, also in einer wachbewussten Vision, die wie ein transluzentes Hologram vor ihm im Raum erscheint. Und offenbar kann der Erdgeist auch den Faust hören oder erleben, denn er reagiert auf dessen falsches Selbstbild und macht Faust deutlich, dass sein Konzept der Wirklichkeit nicht ausreicht, um sich mit ihm, dem Erdgeist, auf eine Stufe zu stellen. Diese interaktive Erfahrung fordert Faust heraus, sein Weltbild zu korrigieren. Gleichzeitig belebt ihn die Begegnung mit diesem tätigen Geist dazu, in die eigene Lebensgestaltung (wieder) aktiver einzugreifen. Unbewusst scheint sich in ihm die Einsicht gebildet zu haben, dass er sich selber in allen seinen Dimensionen besser kennen lernen und zum Ausdruck bringen muss, um vor dem Erdgeist bestehen zu können. Er weiss zunächst nicht wie. Daher ergreift er froh und wagemutig, die Erscheinung von Mephisto, um diesen an sich zu binden.

Im ganzen Drama kommt es zu keiner neuen Begegnung mit dem Erdgeist. Statt eine Bindung mit diesem geht  Faust eine Verbindung mit Mephisto ein. Dieserstammt nicht aus dem Kreise der Leben schaffenden und Leben gestaltenden Engelwesen, vielmehr ist er ein Repräsentant der Geister die Verneinen. Und damit wird deutlich, das Faust selber, das weitere Streben nach Begegnungen mit dem Erdgeist bis an sein Ende verneinen wird. Denn er bindet sich für den Rest seinen Lebens eben gerade an diese verneinende Kraft. Er kehrt sich also (zunächst) von seinem alten Ziel ab, zu erkennen, was die Welt im innersten zusammenhält. Er interessiert sich (scheinbar) nicht mehr für Wirkenskraft und Samen. Vielmehr möchte er Erfahrungen machen, die ihm ermöglichen sollen, mehr darüber zu lernen, wer er selber ist und was es heisst, ein Mensch zu sein. Er wird aber auch auf eine wissenschaftliche Auswertung seiner Erfahrung verzichten. Er verliert die Kraft der gewissenhaften Reflektion fasst ganz und lässt sich weitgehend durch Mephisto steuern. Damit wird er zu einem negativ Beispiel, das zeigt, wohin das blosse verneinen führen kann, oder wohin es gerade nicht hinführt. Denn Faust findet im Leben viele Erfahrungen aber keine Erfüllung. Zuerst ging er den Weg der Wissenschaft, dann sucht er nach Weisheit. Doch er scheitert sehr schnell an einem falschen Selbstkonzept. Um vorwärts zu kommen, muss er erst besser kennen lernen, was ihn zum Menschen macht. Was ihm bleibt ist der Schatz seiner Erfahrungen. Und an diesen nehmen wir als Lesende oder Zuschauende teil. Dabei profitieren wir auch von dem unglaublich breiten und nicht nur literarischen Erfahrungsschatz der Person und des Menschen Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832).

Durch seine Verbindung mit Gretchen und Helena arbeitet er an seinem psychisches Gleichgewicht (im Sinne von Animus und Anima oder Yin und Yang). Diese Arbeit bewahrt ihn davor, zum Zeitpunkt seines Todes Mephisto in die Hände zu fallen. Vielmehr werden die weiblichen Kräfte als Ausdruck der Leben schaffenden und erhaltenden Mächte im Universum zu einem Sinnbild der Weiterentwicklung und Evolution nicht nur der Gestalt, sondern auch des individuellen geistigen Selbst.