Ein Unterschied zwischen Philosophie und Anthroposophie

Ein Unterschied zwischen Philosophie und Anthroposophie, der sich mir in letzter Zeit immer wieder aufdrängt, lässt sich leicht aufzeigen. Dabei wird er natürlich nicht vollständig begründet und dargestellt. Ich denke aber, dass das Folgende durchaus anregen kann, wenn jemand darüber nachdenkt.

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Getragen werden

Der edelste Beruf der Philosophie ist: Sagen, was ist. Das hat zum Beispiel Hannah Arendt in ihren Ausführungen zur Philosophie gerne betont.

In den Meditationen von René Descartes waren es vor allem die res cogitans und die res extensa, die für das Denken wichtig sind. Zum einen ist die res cogitans, die Sache, mit der wir denken und zum anderen ist es das wichtigste Mittel des Denkens. Für Descartes war das wichtigste Mittel des Denkens der Zweifel. Ich benenne das wichtigste Mittel oder die Grundlage allen Denken lieber als das Unterscheidungsvermögen. Auf der anderen Seite steht dann, das zu Unterscheidende oder der Gegenstand des Denkens, (res extensa).

Zugleich gibt es eine Dimension der Ontologie in dem Ganzen. Nämlich die Unterscheidung zwischen Sein und Dasein, wie sie unter anderem Martin Heidegger in seinem Werk Sein und Zeit so prägnant untersucht. In der Philosophie ist aber die Untersuchung der Zeit ein schwieriges Ding, weil sie ja nicht feststeht. Und man kann über sie beinahe nur aussagen, dass sie vergänglich ist (im Sinne von: sagen, was ist).

Die zwei wichtigsten Grundlagen der Philosophie sind meines Erachtens – in Anlehnung an Formulierungen von Descartes – zum einen das Unterscheidungsvermögen (res cogitans) und zum anderen die Sachkenntnis (res extensa). Zusammen bilden sie den Sachverstand. Und dieser ist die Grundlage des philosophischen (oder informierten) Urteilens und Bewertens.

Was passiert nun in der Anthroposophie? Die Anthroposophie verlässt diesen ehrenwerten Beruf der Philosophie und damit auch die Grundlage der Naturwissenschaften und fügt einen scheinbar unsicheren Faktor hinzu, der zugleich die Grundlage aller Untersuchungen bildet. Denn zum Sein und Dasein und zu Urteilsvermögen und Sachkenntnis kommt das Werden hinzu. Ähnlich wie Siddharta Gautama (Buddha) baut Rudolf Steiner seine Weltsicht und Untersuchungen auf der Grundlage der Vergänglichkeit auf. Es geht nicht mehr darum, zu sagen, was ist, sondern zu sagen was wird. Und dazu gehört, was vergangen ist und was kommen wird. Solche Anliegen sind für die Philosophie, wie sie hier charakterisiert wurde und die Gegenwart dominiert, praktisch undenkbar. Für die Anthroposophie sind sie aber die zentrale Voraussetzung.

Als Erkenntniskraft kommt daher eine dritte Sache (res) ins Spiel. Ich nenne sie hier mal die res explorans. Es geht dabei um ein Forschen im Dienste der Veränderung. Erforschen und Erfahren, um anders zu werden. Das Erkenntnisverfahren ist dialogisch und fand auch immer schon statt. Denn Urteilsvermögen und Sachkenntnis sind immer schon durch Erfahrung gewachsen und präziser geworden. Was passiert aber, wenn man die res explorans ins Zentrum des Denkens stellt? Dann kommt eine neue Erkenntniskraft hinzu und dominiert das Ganze: die Liebe. Denn meine Suche nach Erfahrungen orientiert sich an dem, was ich liebe. Sie orientiert sich an dem, was mich interessiert. Sie wird geprägt durch das, mit dem ich mich verbinden will, beschäftigen will, an dem ich wachsen will.

Während die Philosophie, wie sie hier charakterisiert wurde, mit Immanuel Kant danach streben kann. das Ding oder die Welt an sich zu untersuchen, kann die Anthroposophie nur an Georg Hegel anknüpfen und die Welt für mich untersuchen. Das schliesst aber nicht aus, dass sie zugleich die Welt für uns untersucht. Nur wird sie sich bewusst sein, dass die Welt sich eben sehr unterschiedlich darstellt, je nachdem wohin einen die eigenen Interessen, Vorlieben und Anliegen blicken lassen und die Erfahrung mitgestalten.

Natürlich entbindet die Anthroposophie die Philosophie nicht von ihren Pflichten. Und ich finde, dass Rudolf Steiner als Person deutlich erkennbar danach gestrebt hat, beide Kompetenzen in sich auszubilden, zu pflegen und weiter zu entwickeln. Er war nicht nur Anthroposoph, sondern auch Philosoph. Aber nur aus der Anthroposophie konnte er eine Bewegungskunst entwickeln, die sich ganz den Prozessen der Zeit widmet: die Eurythmie. Und doch ist auch die Eurythmie eine Verbindung von beiden: Philosophie und Anthroposophie. Denn nicht nur das Werden und die Vergänglichkeit der Bewegung charakterisieren die Eurythmie, sondern auch der Rhythmus. Und tatsächlich erscheinen die Rhythmen als etwas, was zur Zeit gehört und was Zeit gestaltet. Im Ergreifen von Rhythmen in der Bewegungskunst verbinden sich daher Sein und Dasein, Werden und Vergehen, das was ist und das was wird.