Goethe oder Faust

In den letzten Wochen, seit meinem Besuch der Gesamtaufführung von Goethes Faust am Goetheanum an Ostern, beschäftigt mich die Frage: Goethe oder Faust.

Goethe (gemalt von Tischbein)
Johann Wolfgang von Goethe (gemalt von Tischbein) 

Wenn man wie ich den gesamten Text von Goethes Faust 1 und 2 wieder einmal vollständig anhört und dargestellt sieht, hat man die besondere Gelegenheit, aus einer aktualisierten Überschau, die eigene Sicht auf das Stück und die Figuren neu zu bewerten. Ich habe dabei mit Erstaunen festgestellt, dass ich bisher mit einer gewissen Naivität die grossartigen Texte in dieser Dichtung mit der Figur des Faust irgendwie in einen Topf geworfen habe. Dabei ist es wie in der von Christian Peter so genial inszenierten Himmelfahrt. Am Schluss wie im Stück ist es so, dass die grossartigen Texte den Faust als Person nur umgeben. Er selber spricht eigentlich nicht viel Bedeutsames. Er bringt Weltschmerz, Lebenshunger, Sehnsüchte und konkretes Verlangen zum Ausdruck. Er beschreibt treffend und offen, was ihn bewegt. Er hat Gefühle und geht ihnen nach. Aber die grossartigen Weisheiten geben viel öfter andere Figuren von sich oder werden durch die Komposition verschiedener Stimmen wirksam.

Die Inszenierung, die Christian Peter mit Unterstützung von Margrethe Solstadt und Andrea Pfähler uns vorstellt, zeigt an manchen Stellen, was für ein dynamisches Gewoge der Text erzeugt und wie wenig zum Teil die Charaktere herausgearbeitet sind. Die Personen scheinen oft mehr Sprachrohre für Erfahrungen und Einsichten von Goethe zu sein als eigenständige Figuren. Besonders der zweite Teil hat streckenweise mehr romanhaften Charakter. Die Inszenierung muss daher entsprechend einfallsreich agieren, um dem Textgewebe auch visuell Halt zu geben. Ich betrachte es als eine grossartige Leistung, dass es diese Inszenierung schafft, den Goetheschen Text so zu verlebendigen, dass überall Goethe hindurch scheint und präsent wird.

Für mich ist es so, dass ich in den vielen Jahren der Beschäftigung mit Faust, die Lust an Faust als Charakter verloren habe. Als Figur ist er mir beinahe leer und langweilig geworden. Die Verneinung der sturen Wissenschaft, der Entbehrung und der persönlichen Entfaltung ruft keine Rebellion mehr hervor. Sie ist heutzutage banaler Alltag. Alles strebt nach Glück, Selbstentfaltung und eine persönliche Lebensgestaltung. Damit lockt man keinen Pudel mehr hinter dem Ofen hervor.

Daher fand ich es spannend, dass in den begleitenden Vorträgen an der vergangenen Ostertagung am Goetheanum, die einen Rahmen zu Goethes Faust bot, auch die Frage gestellt wurde, was kommt nun? Es sind beinahe 200 Jahre her, als Goethe visionär und seiner Zeit vorauseilend das thematisierte, was heute Alltag ist. Was ist die Vision für die Menschheit oder Europa in 200 Jahren? Was wird dann Alltag sein? Welche Figuren und Stücke können uns wie Goethes Faust auf die Zukunft vorbereiten helfen? In welchem Bewusstsein zeigt sich etwas, dass uns die nächsten 200 Jahre beschäftigen wird?

Für mich als Liebhaber der Mysteriendramen von Rudolf Steiner liegt sicher in diesen so einiges, was zumindest für mich noch länger ein Thema sein wird. Vielleicht sind diese Texte aber noch zu nahe an Goethe, an seinem Faust, seinem Wilhelm Meister und seinem Märchen (von der grünen Schlange…). Vielleicht braucht es einen noch freieren Blick, der erst bei nach dem Zweiten Weltkrieg Geborenen entstehen kann. Noch habe ich keinen Menschen oder Text entdeckt, der in meinen Augen so etwas leisten kann, wie das, was mir erst vage vorschwebt.

Wenn ich auf Goethes Faust-Dichtung blicke, ist mir inzwischen klar, dass ich viel mehr an den Texten um die Faust-Figur herum gewonnen habe, als an der Figur des Faust selbst. Goethe hat das recht geschickt eingefädelt. Es ist ihm gelungen, über längere Zeit meine Aufmerksamkeit auf die Emotionalität von Faust zu lenken. Denn sie hatte durchaus mit vielem zu tun, was ich in mir als Tendenz wiederfinden konnte. Gleichzeitig hat er diese Emotionalität in einen Rahmen eingebettet, der mir durch meine Offenheit für die Figur sehr viel mehr beigebracht hat, als die Figur selbst. Und er hat mir erlaubt, durch das Miterleben des Weges von Faust, meinen eigenen Weg von der möglichen Notwendigkeit zu befreien, diese Erfahrungen von Verirrung, Missbrauch, die Bindung an falsche Freunde und anderes so voll selbst zu durchlaufen, wie Faust es tun muss. Und selbst wenn mein Leben so tragisch verlaufen würde wie das von Faust, würde mir die Weisheit, die Faust textlich umwebt, doch noch Trost spenden können. Denn der Irrtum scheint mit der Menschwerdung (gegenwärtig) beinahe zwingend einher zu geben. Die Welt erlaubt uns, aus, mit und durch Fehler zu lernen und weiter zu kommen. Einige Voraussetzungen gibt es jedoch: niemals aufgeben, immer weiter gehen, offen die eigenen Fehler erleiden und zu erkennen, dass das eigene Gewissen eine Instanz repräsentiert, die, wenn es erlebt wird, auf etwas verweist, das wesentlicher ist, als unsere Alltagsperson. …

Meine Begeisterung für Faust als Figur hat mit den Jahren deutlich nachgelassen. Meine Wertschätzung für Goethe ist gleichzeitig gewachsen. Ich bin froh, dass ich Faust am Goetheanum gesehen habe und erleben darf. Ein Faustanum wäre mir nicht wirklich geheuer.

Dennoch bleibt mir eine Sehnsucht, ein Streben von Faust auch weiterhin motivierend und ungestillt: die Meisterschaft über das eigene Leben zu erringen (ohne das auf Kosten von anderen tun zu müssen). Goethes Faust endet mit der Andeutung einer höheren Verbindung von Faust und Gretchen. Darin steckt meines Erachtens viel: die Verbindung von Männlich und Weiblich, Jugendlichkeit und Reife, breite Bildung und Einfalt des Herzens … Vor allem sehe ich aber den Keim zu einer Form von Gemeinschaftsbildung. Nicht die Sehnsucht nach einander, sondern das Streben nach höheren gemeinsamen Lebensformen kann uns verbinden. Sie hat immer schon Menschen zusammen geführt. Vielleicht wird das immer noch deutlicher und in einem viel grösseren Umfang passieren als bisher. Unsere aktuelle Gegenwart scheint so eine Entwicklung anzudeuten. Und in einer solchen Bewegung ist Faust kein Vorbild mehr, er wird selbst zu einem Widerstand. Denn seine Art zu streben, hat sich als Irrtum erwiesen.