Lebensfreude und Wissensdrang

Mit Goethes Faust-Dichtung zeigt sich das neuzeitliche Bewusstsein auf eine beeindruckende und inspirierende Weise. Sie kann zugleich begeistern und betroffen machen. Sie unterhält und belehrt. Sie vermittelt anschaulich psychologische, kulturelle und historische Kenntnisse (und Klischees).

Faust von Rembrand
Rembrandts Faust Darstellung (lange vor Goethe) via Wikimedia Commons

Ein Grund, der Faust als Figur so interessant macht, ist sein Anspruch, auf der Grundlage des eigenen Erkennens zu handeln. Er unterscheidet dabei logisches Denken und erkennende Erfahrung. Erfahrung bedeutet hier, selber einen Weg zu gehen, selber zu sehen, zu tasten, zu schmecken, zu leiden und Erlösung zu erleben. Faust kommt mit seinem Streben an eine Grenze, die er nur durch einen Fluch auf das Bekannte und Vertraute zu überschreiten vermag. Die dafür notwendige Rücksichtslosigkeit ist erschreckend und faszinierend. Sie stellt zugleich deutlich die uns auch heute noch bekannte Frage, ob es nicht andere Wege gibt, um weiter zu kommen. Faust (als Figur der Dichtung) hat keinen anderen Weg gesehen. Er stand am Rande des eigenen Untergangs durch Selbstzerstörung und musste – so hat er wohl empfunden – ausbrechen oder sterben.

Dabei ist Faust kein wilder oder durchgedrehter Mensch, sondern ein Gebildeter, angesehener Mann der Wissenschaft und der praktischen Medizin. Er ist ein Universalgelehrter und verkörpert gewissermassen das Idealbild des Studierten. Die italienische Renaissance steigerte dieses mittelalterliche Idealbild des Gelehrten zum universal gebildeten Menschen. Ein Mensch sollte in allen kulturellen Bereichen Erfahrung und Bildung besitzen. Dazu gehörten nicht nur die Wissenschaft, Religion, Medizin, Astronomie, Mathematik usw, sondern auch die Musik, die Kunst allgemein, die Erotik und andere sinnliche Genüsse, besonders auch das kultivierte Trinken von (erlesenem) Wein. Goethe selber praktizierte diese Art der Persönlichkeitsbildung ziemlich konsequent.

Goethes Faust spürt diesen Drang ebenfalls in sich. Er will ein ganzer Mensch werden, allerdings lebt er nicht im südalpinen, lebensfreundlichen Italien, sondern im nordalpinen kühl-rauhen Germanien. Faust hat sich durch sein intensives Streben nach Wissen und Erkenntnis isoliert. Er kennt niemanden, der wie er Wissenschaft und Lebensfreude zu verbinden sucht. Lebensfreude finden die Menschen um ihn ausserhalb der Wissenschaft oder allein in ihr. Beides zu vereinen ist das Anliegen von Faust. Er fühlt zwei Seelen in seiner Brust. Wobei diese Seelen mehr sind als nur Wissensdrang und Lebenslust. Doch dazu an anderer Stelle mehr.