Ich bin enttäuscht

Ja, ich bin enttäuscht. Denn es gab in meinem Leben verschiedene Lehrer oder Autoritäten die ein Ende des sogenannten Kali Yuga oder Eisernen Zeitalters zusammen mit dem Beginn des Goldenen Zeitalters (Satya Yuga) verkündet hatten. Nun stellt sich heraus, dass das (von mir) unmöglich so empfunden und gesehen werden kann. Und bei einer einfachen Recherche zu diesem Thema finde ich eine Erklärung dazu in folgender Grafik.

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Das ich enttäuscht bin/wurde, ist gut. Denn entweder habe ich mich selber getäuscht oder habe mich täuschen lassen. Nun aber wurde ich aus der Täuschung entlassen. Daher bin ich immer wieder gerne enttäuscht, auch wenn es sich meist zunächst nicht gut anfühlt. Denn a) wird dadurch klar, dass ich mich und die Welt auf falsche Art angesehen habe, und b) wird klar, dass ich aufgrund dieser Anschauung vielleicht vermeidbare Fehler begangen habe, sowie c) zu merken, dass die Basis Handeln/Glauben aufgrund von Aussagen von Menschen, die ich als Autorität ansehe, dadurch nicht zuverlässiger werden, dass ich sie als Autorität ansehe. Wir sitzen doch alle im gleichen Boot und sind immer wieder aufgefordert unsere Glaubenssätze und Annahmen zu prüfen, zu hinterfragen und unserer Erfahrung und eigenen Einsicht anzupassen.

Das obige Bild ist eine Darstellung, die ich im Zusammenhang mit dem Lehrer von Paramahamsa Yogananda, dem Inder Yukteshvara – es gibt verschiedene Schreibweisen -gefunden habe. Letzterer hat zu Lebzeiten eine vielbeachtete Arbeit namens „Die Heilige Wissenschaft“ verfasst. Hierbei geht es nicht um eine heilige Wissenschaft, sondern um eine Wissenschaft des Heiligen. (Rudolf Steiner hatte ebenfalls mal darauf hingewiesen, dass seine „Geheimwissenschaft“ nicht eine geheime Wissenschaft, sondern eine Wissenschaft des nicht sinnlich Offenbaren – aber durch das sinnlich Offenbare bereits vermittelte –  ist. Sie befasst sich also mit dem Gebiet der „spirituellen“ Erfahrung. Und bei Yukteshvara geht es auch um Spiritualität.)

In Zusammenhang mit der Lehre von den Yugas (Zeitaltern) und den Visionen (Anschauungen) von Yukteshvara wären wir keineswegs am Ende des Kali Yuga oder im Goldenen Zeitalter angekommen. Vielmehr befänden wir uns im Bronzenen Zeitalter.

Im Grunde ist das ja vielleicht nicht (mehr) so wichtig. Denn es ist ja inzwischen klar, dass solche Erklärungen oder Anschauung Ordnungscharakter haben und im besten Fall Trösten und Motivieren. Sie trösten über Probleme in der Welt hinweg, indem sie andeuten, dass diese Probleme eben auch Ausdruck eines unvollkommenen Zeitalters – also der Rahmenbedingungen unserer gegenwärtigen Existenz – sind. Und si motivieren Anstrengungen an der Schaffung einer neuen Wirklichkeit mitzuwirken, oder zumindest Durchzuhalten, bis eine neue Wirklichkeit – also bessere Rahmenbedingungen – entstehen.

Mir ist das nicht mehr so wichtig, weil ja klar, dass ich egal warum es so ist, mit dem Zurechtkommen muss, was gerade ist.

Die Krux ist natürlich. dass jede Art der Anschauung, mit ihren Begriffen und Gefühlen, die sie erzeugen oder wecken, an der Gestaltung meines Weltbildes und Welterlebens mitwirken. Daher ist es wichtig und nicht einfach nur blöd, sich mit Weltmodellen und Anschauungen zu befassen, die trösten und motivieren können. Vor allem aber sollen mir solche Modelle  Handlungsfähigkeit herstellen oder verbessern . Und sie sollen mir Einstellungen und Haltungen vermitteln, die sich als hilfreich, nützlich und der Gesundheit förderlich erweisen.

Inzwischen fühle ich mich besser. Ich bin enttäuscht worden und zunächst war es eine bittere Pille. Denn irgendwie hatte mir die Vorstellung gefallen, dass man sozusagen wie beim Lichtschalter einfach zwischen Dunkelheit und hellem Licht wechseln kann. In der Natur gibt es aber oft Übergange. In Europa mehr als am Äquator. Wir haben den Morgen und den Abend. Die Nacht, den Tag und die Dämmerung.

Vielleicht sind diese einfachen Metaphern, die man in ihrer Verschiedenheit jeden Tag und in Zusammenhang mit den Jahreszeiten als situativ verschieden erleben kann, besser geeignet, Veränderung und Rahmenbedingungen zu thematisieren als die grossen Bilder der Yugas. Es kann durchaus spannend sein, die kosmischen, astrologisch-astronomischen Zusammenhänge zu denken und sich zu fragen, welche Auswirkungen sie auf das eigene Leben und die Menschheit haben. Denn es ist ja relativ schnell sichtbar, dass es Einflüsse der Sterne und Planeten gibt. Auch wenn wir über das Prinzip der Entscheidung, sowie mit Zielsetzung und persönlicher Anstrengung Einfluss nehmen können. Persönlich finde ich jedoch die Suche nach den richtigen Intentionen und Anliegen wichtiger als die Reflexion auf die Rahmenbedingungen. Denn erst wenn mir meine Ziele oder Anliegen klar genug sind, stellt sich die Frage, ob die Rahmenbedingungen dafür gerade eher förderlich oder hinderlich sind. Ich denke, der Mensch hat heute die Aufgabe, sich damit auseinander zu setzen, einen eigenen Weg durchs Leben zu finden. Und daran ändert sich nichts dadurch, dass man die Gegenwart als Kali oder Satya Yuga anschaut. Wichtig aber scheint mir, dass das eigene Anschauen bemüht bleibt, die Wirklichkeit so zu erfassen, dass diese Anschauung sich als hilfreich nicht nur für das eigene Ego, sondern für das ganze Eco-System erweist. (Man kann hier vielleicht merken, dass ich auch mit Otto Scharmers ULab bzw. seinem Modell „Leading from the Emerging Future“ befasse …)

Wenn ich enttäuscht (worden) bin, freue ich mich (manchmal erst nach einer Weile), dass ich der Wirklichkeit ein Stück nehmen gekommen bin.