Beim Dalai Lama in Basel

Anfang Februar war ich an der Wochenend-Veranstaltung beim Dalai Lama in Basel und habe an seinen Belehrungen und dem Abhisheka mit Avalokiteshvara teilgenommen.

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Die Belehrungen betrafen die Grundlagen zur Schaffung von Bodhichitta, dem Erleuchtungsgeist. Nicht alle geistigen Qualitäten sind geeignet, höhere Formen des Bewusstseins hervorzubringen. Die Hervorbringung der Buddha-Qualität des Erwachens braucht ein Training von Bodhichitta.

Zwei Bedingungen sind dafür zentral: die Einsicht in Interdependenz aller Erscheinungen und die richtige Motivation. Die richtige Motivation ist dadurch gekennzeichnet, dass die Erleuchtung nicht nur für einen selber oder die einem nahe stehenden Menschen und Tiere angestrebt wird, sondern zum Wohle aller empfindenden Wesen, oder aller Wesen, die das Potenzial zur Buddhaschaft besitzen.

Buddhaschaft wird oft dadurch gekennzeichnet, dass der Geist frei geworden ist, von allen Ursachen des Leidens und zugleich alle Ursachen des Glücks verwirklicht hat. Es geht also darum, den eigenen Geist zu transformieren oder umzugestalten. Er soll weder für einen selbst noch für andere Impulse enthalten, die Leiden verursachen.

Persönlich reicht es mir, wenn ich einige Qualitäten meines Geistes transformiere und mein für mich und durch mich selbst verursachtes Leiden in mir und für andere reduzieren kann. Wenn ich weniger dazu beitrage, mich und andere und die Welt krank zu erhalten oder kränker zu machen und wenn es öfter gelingt, zum Wohle der anderen, der Welt und mir beizutragen. Ich kann mir zurzeit nicht vorstellen, einmal alle Ursachen von Leid für mich und andere aus meinem Geist umgewandelt zu haben oder umwandeln zu können. Ich bin auch ganz zufrieden ein Mensch unter Menschen zu sein und habe keinen konkreten Plan heilig oder komplett rein zu werden. Ich denke auch, dass solche Ziele leicht zu einem Zwang werden können, aus dem selber Zwänge für sich und andere entstehen, die dann wieder Leiden erzeugen. Und da ich keine Erfahrung über den kompletten Weg habe, gilt es sich aus meiner Sicht auf diesem Weg voranzutasten, um grobe Fehler möglichst zu vermeiden.

Aus meiner Beschäftigung mit der transformatorischen Arbeit am eigenen Geist, mit den Methoden des tibetischen Buddhismus und anderen Übungen, habe ich gelernt, dass es besser ist, gute Lehrer oder Begleiter zu haben, um auf diesem Weg nicht zu Schaden zu kommen. Denn diese Arbeit ist wie eine Bergtour, die man je nach Gratwanderung nur mit einem Bergführer oder zumindest gut vorbereitet unternehmen sollte. Man sollte sich den Weg gut erklären und vor allem auch Probleme und Gefahren aufzeigen lassen. Damit habe ich keine Probleme, denn ich besuche gerne Schulungen und Fortbildungen. Man kann sich viel Ungemach und Zeit ersparen. Die Vorteile überwiegen in der Regel die Nachteile, wenn man sich auf ein passendes Training einlassen kann.

Das Training durch den Dalai Lama empfand ich als anspruchsvoll und solide. Es war zudem gut dosiert, klar und methodisch. Der „ozeangleicher Lehrer“ (Übersetzung von tibetisch Dalai LamaTendzin Gyatsho sprach persönlich, konkret und reflektierend. Er machte keine Vorschriften oder verkündete Dogmen. Vielmehr lud er zum aktiven Denken, Hinterfragen und die Suche nach hilfreichen Qualitäten des Denkens und der geistigen Anschauung ein. Es ging in den Belehrungen um die Suche nach einer hilfreichen und förderlichen Anschauung der Existenz oder dem Prinzip des Existierens. Die Grundthese lautet: Nichts in der sinnlichen Wirklichkeit existiert für sich selbst und aus sich selbst. Diese intersubjektive und interobjektive Abhängigkeit allen Lebens und aller Erscheinungen bedeutet zugleich deren Leerheit. Denn alle Erscheinungen sind abhängig von anderen Erscheinungen. Keine kann für sich und aus sich selbst allein erscheinen. Die Einsicht in die Abhängigkeit aller Erscheinungen führt zur Einsicht, dass unser eigenes Leben auf alles um uns herum angewiesen ist. Das alles um uns herum eine Bedingung unserer eigenen Erscheinung, unseres Lebens und unseres Dasein ist. Und diese Einsicht kann das Mitgefühl entfachen, vor allem mit allen anderen fühlenden oder empfindenden Wesen.

Mitgefühl und Einsicht wurden vom Dalai Lama als die Bedingungen gekennzeichnet, damit Bodhichitta entstehen kann. Ohne Mitgefühl oder Einsicht bleibt der Erleuchtungsgeist inaktiv. Und es entstehen vielleicht noch Mitleid und Verständnis. Denn Mitleid ist ein Mitleiden (so denke ich) und Mitgefühl ist sowohl Dankbarkeit wie Respekt und eher glückliches Lieben als betroffenes Mitleiden. Verstehen aber bleibt aussen, während die Erkenntnis sich (meist kurz) verbindet. Die Einsicht bleibt im Schauen verbunden. Und ich stelle mir vor, dass Erleuchtung eine permanente Einsicht und damit ein ungebrochenes Verbundensein bedeutet.

Für mich waren das zwei wunderbare und hilfreiche Tage mit dem Dalai Lama in Basel. Ich habe einen lebendigen, klaren und meist vergnügten Mann erlebt, der bald 80 Jahre alt wird. Ich hoffe sehr, dass er noch einige Jahre wirken wird und das sich vielleicht nochmals die Möglichkeit ergibt, durch persönliche Anwesenheit im selben Raum Belehrungen zu erhalten.  Von hier aus nochmals meinen Dank an diesen besonderen Menschen und die Organisatoren, die mit Engagement und Freude solche Belehrungen ermöglicht haben.

 

Zertifikat Coach CP

Letzten Freitag durfte ich ein Zertifikat als Coach CP (Coachingplus) entgegen nehmen. Das Zertifikat ist natürlich nicht viel mehr als ein Zettel, der bestätigt, dass ich mindestens 80% der Zeit und der Übungen aktiv mitgemacht und dabei gelernt habe. Wie viel und wie gut oder gar wozu ich gelernt habe, sagt das Zertifikat nicht aus.

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Die 10 Tage Schulung waren ausgesprochen gut strukturiert. Die psychologische Basis erwies sich als tragfähig und unterstützend. Das Training basiert auf einer intensiven theoretischen und praktischen Beschäftigung mit der Individualpsychologie von Alfred Adler. Der Kursleiter Urs Bärtschi arbeitet dazu mit einem Netzwerk von Individualpsychologen zusammen, das unter anderem seine Frau Ruth Bärtschi umfasst. Diese leitet in eigener Akademie selbst einen Ausbildungsgang zum psychologischen Berater nach Adler.

Coaching Kompetenz baut sich durch Erfahrung im Umgang mit Lebensfragen auf. In diesem Sinne durfte ich erleben, wie meine nun bald 36-jährige Erfahrung im Umgang mit solchen Fragen eine zuverlässige Basis für Coachingaufgaben darstellt. Meine KollegInnen bestätigten mir ein offenes, präsentes und lösungsorientiertes Coaching. Manchmal bin ich etwas zu schnell. Ich durfte einsehen, dass die Qualität steigt, wenn der Coachee (der Gecoachte) genug Zeit, selber die Lösungen einsieht und erfasst, die sich im Prozess zeigen. Als Coach ist es nicht meine Aufgabe, selber so rasch wie möglich eine Lösung oder den nächsten Schritt zu sehen und zu formulieren. Viel mehr ist es meine Aufgabe, den anderen Menschen so zu begleiten, dass diese Erfahrung für den Coachee möglich wird.

Das wird sich mit noch mehr Übung immer besser und leichter erreichen lassen. Es ist jedoch gut, zu wissen, wo Potenziale sind, die sich weiter entwickeln lassen.

Ausbildungen oder Weiterbildungen wie diese, besuche ich, um meine Selbstkompetenz und Sozialkompetenz zu steigern. Als Mensch kommen wir nicht mit einer Gebrauchsanweisung auf die Welt. Schnell machen wir uns daher eine individuelle Logik und Weltanschauung zurecht. Diese erweisen sich (für mich) immer wieder als unvollständig und unzureichend. Daher ist es mein Ziel mich hier immer weiter zu entwickeln, weiter zu reflektieren und von mich ansprechenden Erfahrungen anderer zu gewinnen.

„Mindset“ von Carol Dweck

Am letzten Wochenende habe ich das Hörbuch „Mindset“  von Carol Dweck angehört und hatte einige Aha-Erlebnisse. Ganz klar habe ich gesehen, das mein Ziel und meine natürliche Haltung in vielen, ja fast allen Bereichen ein Wachstums- und Lernen-Mindset ist. Das Hörbuch von Carol Dweck hat mir deutlich gezeigt, dass ich selber nicht immer klar genug bin und mich daher entweder gewohnheitsmässig, gelernt oder träge in das Status-Mindset ziehen lasse oder darin manchmal (noch) feststecke.

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Ich habe aber auch bemerkt, dass es Menschen in meinem Umfeld gibt, die für sich ein kreatives Mindset des Werdens beanspruchen (aber keineswegs überall leben). Und das sie mich gelegentlich aufgrund meiner Liebe zu Diplomen und Ausbildungen gerne in das Status Mindset einordnen. Für mich ist aber Lernen und das Erarbeiten von Kompetenzen nicht ein Einschlafen auf einem Niveau oder ein Rückzug auf einen Status. Ja, ich bin ein Doktor der Philosophie, ja, ich bin ein Ausbilder mit Fachausweis … Aber der Titel allein interessiert mich nicht. Dennoch sind Titel, Diplome oder Zertifikate auch Ausdruck einer Anerkennung. Sie sind zudem ein Beleg für Aktivitäten im Zusammenhang mit Menschen, die sich ernsthaft, intensiv und hoffentlich auch kreativ mit den entsprechenden Fachgebieten befasst haben. Sicher, Diplome und so zeigen vor allem, dass ich mitgemacht habe, dass ich Kriterien anderer erfüllt habe. Ja, das ist nicht sehr schöpferisch im Hinblick auf das jeweilige Gebiet. Es ist aber transformierend in Bezug auf mein Leben und meine Kompetenzen. Und das schätze ich. Denn ich besuche und engagiere mich nur für Themen, die mir wichtig sind. Und es ist mir wichtig, an andere Menschen anzuschliessen. Es ist mir wichtig, das Bestehende zu verstehen und zu verstehen, was anderen Menschen in den jeweiligen Fachgebieten wichtig geworden ist.

Ich mache gerne selber Erfahrungen, aber ich profitiere auch sehr gerne von den Erfahrungen anderer. Es macht für mich keinen Sinn, alle Erfahrungen selber zu machen. Erstens ist mein Leben dafür zu kurz und zweitens möchte ich nicht alle Fehler wiederholen, die man untrainiert als Mensch eben gerne mal so macht.

In diesem Sinne ist auch das Feld, das Carol Dweck unter dem Titel „Mindset“ präsentiert, ein reales und für mich wichtiges Lern- und Übfeld. Es stört mich nicht, aber es begeistert mich auch nicht, dass sie ihre Erfahrungen unter anderem als Professorin an Universitäten weitergibt. Ich selber hätte sehr gerne an der Universität die Möglichkeit gehabt, so Fokussiertes, Positives und Bewährtes über das Thema Mindset ausführlich, begleitet durch eine solche Persönlichkeit und mit viel Zeit allmählich zu studieren.

Ich finde, es gibt zu wenig freiere, zugänglichere und alltäglichere Orte oder Einrichtungen, an und mit denen ich an mir arbeiten kann. Ich liebe Bildung und ich liebe es, mich zu bilden. Für mich braucht  es nicht nur eine Studienzeit, sondern ein Leben, das immer Studium, Arbeit und und und ist. Und das realisiere ich für mich auch so. Ist nicht immer ganz leicht. Ist aber die einzige Weise, wie ich glücklich leben kann. …

So gesehen, bin ich sehr froh über Plattformen wie TED oder die Möglichkeit, Hörbücher zu hören. Vor allem, wenn sie von den AutorInnen noch selber gesprochen oder gelesen werden. Denn solche Aufzeichnungen wie bei TED oder Hörbücher transportieren viel mehr lebensnahe und auch subtilere Informationen, die man über Lesen nun mal einfach nicht ohne weiteres, gar nicht oder sogar völlig falsch erfassen kann. …

Erfreuliche Kickstart-Meditation

Das Online-Jahres-Coaching Human Trust ist mit einem anregenden Vortrag von Veit Lindau gestartet. Die einleitenden Worte zum Kickstart beschliesst Veit mit einer erfreulichen Meditation ( ab 1:07:45 h). Ich arbeite seit vielen Jahren daran, mein eigenes höheres oder wahres Selbst immer mehr und bewusster in mein Leben zu integrieren. Und da ist es eine schöne Überraschung, zu erleben, dass auch dieses Programm mich genau zu dieser Verbindung einlädt!

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Es ist ja eigentlich komisch von einem wahren Selbst zu sprechen. Denn das unterstellt ja, dass es ein falsches Selbst geben könnte. Das sehe ich aber nicht so. Es gibt für mich das Selbst und das Ich, oder das kleine und das grosse Selbst. Das kleine Selbst oder Ich (im Sinne des Alltagsbewusstseins) sind im grossen Selbst enthalten. Falsch ist nur, wenn wir das Alltagsbewusstsein und Selbst(-verständnis) als das einzige oder ganze Selbst betrachten. Das ist – in meinen Augen und meiner Erfahrung nach – eine unvollständige Betrachtung des (eigenen) menschlichen Wesens.

Ein Ziel des aktiven Meditierens ist, dass die Meditation sich spontan und ungerufen einstellen kann. Das aktive Meditieren ist eine Vorbereitung und Angewöhnung. Wenn das Prinzip etabliert ist, integriert sich die Meditation, das Meditieren oder die meditative Erfahrung immer mehr in den Alltag. Neben dem Wachen, Schlafen und Träumen entsteht so ein vierter Bewusstseinszustand, eine vierte Dimension des Bewusstseins.

Im Grunde ist Meditation ein ganz natürlicher Zustand, der in manchen Kulturen auch von klein auf geübt wird. In der christlichen Kultur ist des die Hinwendung an Gott im Gebet, wenn diese eine Zwiesprache, ein Gespräch mit Gott ist.

GOTT ist für mich ein Akronym.
G – Generieren (Herstellen, Erschaffen, Bilden)
O – Organisieren (Ordnen, Erhalten, Strukturieren)
T – Terminieren (Beenden, Töten, Zerstören)
T – Transformieren (Umgestalten, Verändern, Umbauen)

Die Wirklichkeit ist eine dynamische Aktivität, die von diesen vier Faktoren zugleich durchdrungen, erzeugt, erhalten und verändert wird. Alles ist in GOTT, durch GOTT und aus GOTT. …

Und ich persönlich bin der Auffassung, dass die Aktivität nicht nur mich hervorbringt, sondern dass ich in meinem Wesen, meinem Selbst, selbst ein Teil dieser Tätigkeit bin. Ich begreife mich als ein Wesen, das im Kleinen dasselbe tut, wie das grosse Ganze. Ich bin ein mikrokosmisches Gleichnis des grossen Ganzen. Denn ich bin nicht verschieden von dem Makrokosmos, sondern agiere zugleich in ihm, aus ihm und mit ihm. Damit berühre ich das Rätsel und (offenbaren) Geheimnis des individuellen Daseins und eben auch meines und jeden individuellen Seins.

Human Trust 2015 – ein Selbstversuch

Heute hat das Jahr 2015 begonnen. Und ich bin gespannt auf den Human Trust, dem Jahrescoaching- und Lebensfreudeprogramm von Veit Lindau und Co.

Human Trust 2015
Human Trust 2015 (Zitat von Webseite veitlindau.com)

Es wird ja nicht so gemütlich werden wie dieses Bild auf den ersten Blick erscheint. Wenn man genauer hinsieht lagert sich Goethe da gekonnt auf eigentlich recht ungemütlichen Ruinen. Und das ist für mich schon ein Motiv für dieses Jahr: die gekonnte Gelassenheit.

Antike Ruinen können in der Hitze des Sommers wunderbar kühlend wirken. Zugleich vergegenwärtigen sie einerseits die Vergänglichkeit aller Leistungen des Menschen und andererseits zeigen sie uns, wozu Menschen in der Vergangenheit sich ermutigt haben.

Die Leistungen, die für den Menschen wirklich bedeutsam sind, stammen in der Regel von anderen Menschen. Kultur entsteht nur durch Geben und Nehmen zwischen oder in der Gemeinschaft von Menschen. Das ist ein anderes wichtiges Motiv für mich in 2015.

Während Erkenntnis in der Regel nur alleine zu erringen ist, kann die Erkenntnisarbeit durch den Austausch und die Begegnung mit anderen, mit denen man Interessen gemeinsam hat, nur wachsen.

Das Experiment, zu dem Veit Lindau und Team nun zum dritten Mal aufruft, ist selber gewachsen. In der gleichzeitigen Gemeinschaft mit anderen, die sich gleichen Themen und Fragen widmen, entsteht ein Feld der Ermutigung und Unterstützung. Dieses Jahr nennen sie dieses Feld Human Trust. Die letzten beiden Jahre hiess das Projekt Living Master Club.

Der neue Titel gefällt mir besser. Erstens bin ich nicht so der Clubteilnehmer und zweitens habe ich nicht den Anspruch, mich als „Living Master“ zu betrachten oder beachtet zu werden.

Als Mensch mit einem grossen Hunger nach Anregung und Schulung, die sowohl gehaltvoll als auch lebenspraktisch ist, bietet das Buffet, das im Human Trust angerichtet wird, eher eine Verlockung zur Über- als zur Unterernährung. Und sicher wird eine Herausforderung sein, neben allem anderen, das richtige Mass zu finden.

Ich selber habe sonst keine Erfahrung mit All-inclusive-Angeboten. Dieses Paket spricht mich aber gerade auch durch das umfassende Angebot an, das zu einem günstigen Tarif für ein Jahr zu erhalten ist.

Es gibt zwar bereits soviel gutes und kostenloses Material im Netz, von Veit Lindau wie auch von vielen anderen, dennoch ist die begleitete und motivierende Auseinandersetzung mit solchem Material nochmals was ganz anderes. Das habe ich durch meine Teilnahme im Living Master Club 2013 bereits erlebt.

Und da Veränderung nun mal leicht 6-18 Monate braucht, ist das Ergebnis für mich jetzt ein Jahr nach Ende meiner Teilnahme viel sichtbarer als bereits am Ende von 2013. Und ich bin Veit Lindau und Co für ihr Engagement und das Aufsetzen dieses Projekts sehr dankbar.

Natürlich sehe ich manches vielleicht etwas anders und würde es selber anders gewichten. Das schöne an einem Buffet ist ja, dass man sich das Heraussuchen kann, was gerade für einen stimmt und schmeckt.

Dazu passt auch ein Motiv aus einem anderen Projekt, das mich 2015 beschäftigen wird. Goethes Faust am Goetheanum. Ich werde die Regie dramaturgisch unterstützen.

Im „Vorspiel auf dem Theater“ heisst es:

Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,
Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.

Und das wünsche ich mir für beide Projekte und alles andere, was ich tue. Und das es gelingt, werde ich nach Kräften daran mitwirken. Und ich bin bereits sehr gespannt, was ich alles aus diesem Jahr mitnehmen werde.

Sollte jemand, der diesen Beitrag liest, auch im Human Trust oder bei Faust am Goetheanum mitmachen, wäre ich froh, er oder sie würde sich bei mir melden. Ich würde gerne persönlich mehr erfahren und besprechen. Vielen Dank.

 

 

Yalom’s Cure – ein Kinobesuch

Yalom’s Cure ist ein Film über die Arbeit und die Anliegen des weithin bekannten amerikanischen Psychiaters und Autoren Irvin Yalom. Ich habe diesen Kinofilm letzten Sonntag im kult.kino Atelier gesehen und war und bin berührt sowie erfreut. Vor ein paar Jahren habe ich die Übersetzung seines Buches When Nietzsche Wept, – dt. Und Nietzsche weinte – gelesen und war ebenfalls berührt und beeindruckt.

Irvin D. Yalom
Irvin D. Yalom zitiert nach http://yalomscure.com/

Mich haben verschiedene Themen in dem Film angesprochen. Zum einen fand ich es sehr intertessant, dass Yalom berichtete, dass seine primäre Motivation zur Beschäftigung mit Psychiatrie aus dem Anliegen motiviert wurde, Schriftsteller zu werden. Zum anderen fiel mir auf, dass seine Motiviation Arzt zu werden aus der Begegnung mit dem behandelnden Arzt seines Vaters entstand. Dieser kam ihm moralisch und emotional zu Hilfe, nachdem sein Vater einen Herzsanfall erlitten hatte und seine Mutter zu ihrer eigenen Erleichterung dem gemeinsamen Sohn, also Irvin Yalom, die Schuld am Zustand seines Vaters gab.

Dann hat mich auch beeindruckt, dass Yalom die Erfahrungen im Umgang mit Psychotherapie schon sehr bald als viel zu wertvoll erlebt hat, um sie auf die Arbeit mit klinisch Kranken zu beschränken. Wie ich selber sieht Yalom in der Erforschung des eigenen Selbst und der psychisch konstituierenden Kräfte des Menschen allgemein, zentrale Themen des Lebens. Er selber sieht wohl diese Themen als wichtig für jedes menschliche Leben an. Für mich sind diese Themen nur in den menschlichen Leben wichtig, wo sie von dem betreffenden Menschen auch tatsächlich als wichtig erlebt werden. Für mein Leben gebe ich Yalom also recht. Für die anderen kann ich es nur für sehr wenige Menschen konkret bestätigen. Wenn man auf das Potenzial schaut, dann stimmt es. Potenziell ist in jedem Menschen aber sehr vieles möglich. Mich interessiert daher vor allem, was in dem betreffenden Leben einer Person wirklich konkret oder gerade jetzt wichtig ist.

Der Film probiert eine Aussage über das therapeutische Anliegen und vielleicht auch über das therapeutische Verfahren von Irvin Yalom zu machen.  Zumindest spielt der Titel mit dieser Möglichkeit. Im Zentrum des Films steht Yaloms eigener Lebensweg. Man könnte auch meinen, dass es sowas wie ein Ergebnis in seinem Leben gibt: seine eigene „Cure“.

Yalom berichtet, dass es seinem Selbstverständnis nach zum Leben eines Therapeuten gehört, selber fortwährend in Therapie zu sein. Gegen Ende des Films gibt Yalom einen metaphorischen Einblick auf die Ergebnisse seiner Reinigung. Darin wird klar, dass sein Denken nun in der Lage ist, mehr zu sehen, als wozu ihn seine Neugier, sein Interesse und seine Leidenschaften angetrieben hatten.

Der Film regt mich an, doch noch mehr von Yalom zu lesen. Denn ich denke, es ist ihm tatsächlich  gelungen, Früchte der Psychotherapie, auf allgemeine Weise in seinen Romanen, den Lesenden zur Verfügung zu stellen.

Was mir noch Rätsel aufgibt, ist wie ich für mich das Wort „Cure“ ins Deutsche übersetzen kann. Denn es meint sowohl Therapie wie Heilung (also das Ziel der Therapie). Es meint sowohl Verfahren als auch Theorie. Zumindest scheint es mir so. Englisch ist einfacher, mehrdeutiger und somit offener als Deutsch. Zumindest oft. Englisch ist daher impliziter als Deutsch. Deutsch ist deutlicher.

Um die Fülle der Möglichkeiten einfacher englischer Fügungen wie „Yaloms’s Cure“ so mehrdeutig zu übersetzen wie ich sie erlebe – also in Deutsch wiederzugeben – braucht es viel mehr Wörter. Solange wie in diesem Fall diese Mehrdeutigkeit auch tatsächlich aktiviert wurde. Im Moment würde ich den Filmtitel mit Yaloms Weg übersetzen. Den Buchtitel When Nietzsche Wept hätte ich eher mit Als Nietzsche schluchtzte oder Und Nietzsche schuchtzte übersetzt . Das Und im deutschen Buchtitel finde ich sehr gut. Und ich würde es vor allem lautlich vorziehen. Inhaltlich wäre – wenn ich das Buch richtig in Erinnerung habe –  das Als aber stimmiger. Denn es ist emotionaler. Und Nietzsche liess diese Emotionen – im Buch – ja erst gegen Ende zu. …

Form und Persönlichkeit

Wenn ich über Form und Persönlichkeit nachdenke, kommt mir immer in den Sinn, was ich bei Rudolf Steiner (1861-1925) darüber gelesen habe. Und natürlich auch das, was ich aufgrund dieser Anregung selber gedacht und beobachtet habe. Kürzlich habe ich wieder angefangen, diese Fragen neu zu bewegen. Ganz aktuellen Anlass gab mir dazu mein Besuch bei einer Schulung von Seine Heiligkeit Drikung Kyabgön Chetsang.

SH Chetsang Rinpoche
SH Chetsang Rinpoche – Drikungpa (Foto ah)

Der Linienhalter der Drikung Kagyu Dorje Ling Tradition des tibetischen Buddhismus repräsentiert einerseits die form- und vorschriftenreiche Ausgestaltung des Mahayana Buddhismus. Andererseits vertritt er den dynamischen und mit viel persönlichem Freiraum gelebten tibetischen Vajrayana Buddhismus. Vor allem aber führt er eine Tradition spiritueller Schulung und Entwicklung weiter, die auf Milarepa zurückgeht.

Milarepa hat das bloss formelle und die formellen Errungenschaften jedoch eher uninteressant gefunden. Er wollte viel mehr wissen, was jemand persönlich tatsächlich erlebt und erreicht hat. Dabei war es weniger wichtig durch wen oder wie die Veränderung und Erfahrung möglich wurde. Wichtiger war die Qualität und Transformation in Richtung der Erleuchtung im Sinne des Buddha, die dadurch möglich wurde. Milarepa hat dabei stets der mündlich überlieferten Tradition, der „Whispered Lineage“ also der gefüsterten Übertragung, mehr Gewicht gegeben als dem geschriebenen Wort. Und gerade die persönliche Beziehung zu einem echten Linienhalter buddhistischer Tradition hat er als besonders wertvoll erachtet. Nur eben nicht als formale Beziehung, sondern als eine Quelle für authentische und hilfreiche Anregungen für die eigenen Entwicklung.

Und damit wird schon das Dilemma deutlich, das mich beschäftigt. Wie kann man einerseits sich selbst oder anderen Menschen helfen, die in der Einhaltung von Formen und Schulungsanleitungen ihr Glück und ihre Sicherheit finden. Andererseits aber klar machen und lebendig halten, das nur die persönliche Erfahrung wirkliche Fortschritte ermöglicht. Das ist ein Thema, das mich interessanterweise immer schon beschäftigt, also zumindest seit ich denken kann. Denn einerseits suche und erlebe ich Formen, die mir helfen, Lernen und Entwicklung zu organisieren. Andererseits braucht es Freiräume, dass individuelle Entfaltung und Erfahrung möglich wird. Und selbstverständlich gibt es geschickte oder bewährte Mittel, deren Einhaltung oder Anwendung bei vielen Menschen fruchtbare Erfahrungen ermöglicht. Nur hilft es in der Regel nicht, diese aufzuzwingen.

Und es gibt auch die toten Formen, die bloss wiederholten Traditionen, die nicht lebendig, sondern mechanisch nachvollzogen oder genutzt werden. Und das ist nicht wirklich spannend oder zeitgemäss. Zumindest nicht für mein Erleben. Durch diese Formen und ihre Einhaltung wird man nicht menschlicher oder persönlicher, sondern automatischer und unlebendiger.

Daher habe ich die Arbeit von Rudolf Steiner in dieser Hinsicht von Anfang an als sehr modern erlebt. Er hat sich praktisch nie wiederholt oder an einmal entwickelten Formen festgehalten. Er hat stets weiter geforscht, ist weiter gegangen und hat dieselben Anliegen von den jeweils aktuellen Standorten neu formuliert und neu gelebt. Wobei neu hier nicht heisst, dass etwas Anderes oder Verschiedenenartiges Thema wurde, sondern das eine veränderte Haltung, eine veränderte Perspektive oder ein veränderter Kontext zu einer Aktualisierung geführt hat. Neu meint hier also, erneuert oder aktualisiert.

In Bezug auf mein Thema, Form oder Persönlichkeit, hat Rudolf Steiner in den in GA 222 dokumentierten Vorträgen einen Übergang beschrieben. Diesen beschreibt er als einen Übergang  der Vorherrschaft der Inspiratoren und Erhaltern der Form zu den Inspiratoren und Förderern der Persönlichkeit. Wobei früher die Form dominierend und zeitgemäss vorherrschend  war, während in der Neuzeit die Persönlichkeit wichtiger geworden ist. Jedoch stören nach Steiner in der Gegenwart veraltete Formkräfte die individuelle Ausbildung einer zeitgemässen Persönlichkeit.

Auf die genauere Ausgestaltung der Darstellungen von Rudolf Steiner will ich hier nicht näher eingehen, sondern diese im Hintergrund halten. Es geht mir hier mehr um eine eigenständige Aktualisierung dieser Fragestellung an einem konkreten, einfachen Erlebnis.

Und ich will hier keineswegs behaupten, dass ich vollständig wüsste oder sagen könnte, was eine zeitgemässe Persönlichkeit ausmacht. Jedoch ist mir aktuell durch die Begegnung mit Kyabgön Chetsang deutlich geworden, das mich ein vor allem formal praktizierter Buddhismus einfach nicht interessiert oder anspricht. Mich interessieren Persönlichkeiten. Menschen, die einen eigenen Weg gehen und auf diesem Weg sowohl ihr Individuelles verwirklichen, wie auch die besten Eigenschaften des Allgemein-Menschlichen entfalten.

Ich denke dann immer an Matthäus 7, 16 (Vers 15ff): „15 Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen! Inwendig aber sind sie reißende Wölfe. 16 An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Liest man etwa von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen? 17 So bringt jeder gute Baum gute Früchte, aber der faule Baum bringt schlechte Früchte. 18 Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, noch kann ein fauler Baum gute Früchte bringen.“ (Elberfelder Bibel)

In meinen Augen und in meiner Erfahrung ist Seine Heiligkeit Drikung Kyabgön Chetsang kein reissender Wolf. Ich habe seine Gegenwart und seine Rede als sehr freilassend, wohlwollend und liebevoll erlebt. Er hat sich als Unterstützer gezeigt, dem es nicht darum geht Vorschriften zu machen. Er will und kann niemanden dazu bewegen, etwas anzustreben oder zu erreichen. Er kann nur die von ihm als hilfreich erlebten Mittel, Informationen und Anregungen weiter geben. Und er kann die ihm übertragenen Bewusstseinsaspekte anbieten und so zu deren Vermehrung beitragen. Damit das Bewusstsein insgesamt wachsen kann.

Ich habe verdauliche, bekömmliche Nahrung erhalten. Und sie wurde mir nicht zu teuer, vielleicht sogar zu billig angeboten. Denn es ging nicht darum, mir etwas zu verkaufen. Vielmehr wurde es mir freigestellt zu geben, wenn ich die Belehrung und Übertragung als wertvoll erachtet habe. Der vorgängig fixierte und eingezogene Betrag war nur der erforderliche Unkostenbeitrag an die Infrastruktur und das gemeinsame Essen. Denn die Einladung zur Schulung war keineswegs eine Einladung, sich auf Kosten anderer zu bereichern.

Zeitgemässe Formen und zeitgemässe Persönlichkeitsentwicklung können sich auch auf – in diesem Fall rund 800 Jahre alte – Traditionen beziehen und trotzdem modern sein. Dazu braucht es Persönlichkeiten, die Qualität gewordene Erfahrungen lebendig zur Verfügung stellen. Und dazu gehört unter anderem das Durchbrechen von Strukturen. Und auch das hat Kyabgön Chetsang gelebt. Denn für die Belehrung – die oben in einem Schnappschuss repräsentiert ist – hat er sich von seiner Lehrstuhlinstallation auf einen gewöhnlichen Stuhl gesetzt. Damit hat er Gleichwertigkeit hergestellt und das Persönliche angesprochen.

Diese Geste hat er im Stil seiner Ausführungen fortgesetzt. Er hat nicht belehrt, sondern erzählt. Und dabei hat er wie in Gesprächen unter Freunden Vor- und Rückgriffe gemacht, den Faden zwischendurch verloren und wieder aufgenommen. Als Mensch unter Menschen. Die Wertschätzung des kostbaren menschlichen Lebens, wie sie im Buddhismus gelehrt und wie hier auch gelebt wird, gilt nicht nur den Geschulten und Geehrten. Sie gilt jedem menschlichen Leben und schliesslich allem Leben. Denn alles Leben befindet sich -aus der Sicht Buddhas – auf einem Weg der Entwicklung zu einem je passenden und folgerichtigen höheren Dasein. Und die erreichte Stufe ist weniger von Bedeutung als der gemeinsame Weg.

Es kam auch zur Sprache, dass man diesen Weg verlieren oder auf ihm Rückschritte machen kann. Es ist wichtig achtsam und sorgfältig zu sein. Aber nicht aus formalen Gründen, sondern um wirklich das Ziel zu erreichen, das man sich im Herzen vorgebildet hat. Und dieses Bild macht bereits klar, dass man keine Herzensziele erreichen kann, wenn man sein eigenes Herz verleugnet oder ignoriert. Es ist schon erforderlich, dass das eigene Herz dem eigenen Leben und Weg verbunden bleiben kann. Oder wie Paulus in Korinther 1,13 (Vers 1 ff) sagte: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und der Engel rede, aber keine Liebe habe, so bin ich ein tönendes Erz geworden oder eine schallende Zimbel.  Und wenn ich Weissagung habe und alle Geheimnisse und alle Erkenntnis weiß, und wenn ich allen Glauben habe, so dass ich Berge versetze, aber keine Liebe habe, so bin ich nichts.“ (Elberfelder Bibel)

Es ist berührend und beeindruckend Menschen zu erleben, die das nicht nur lehren, sondern in ihrem Leben zeigen. Sie sind in dieser Hinsicht bereits verwirklicht. Und sie zeigen damit für mich sehr deutlich, dass es hier nicht um eine Theorie geht, sondern vor allem um eine Praxis, um ein Üben und Tun. Und in meinen Augen ist dieses Tun nicht an eine Konfession oder Religion gebunden. Die Mittel, die Formen und die Traditionen sind verschieden, aber das Menschsein ist eins. Und wenn ich Hunger habe, interessiert es mich diesen Hunger zu stillen. Es interessiert mich, dass die Nahrung bekömmlich ist . Die Nahrung soll meine Lebendigkeit und mein Leben fördern und nicht verkürzen. Und alle Nahrung, die das tut, ist mir willkommen.

Die Spannung zwischen der Einhaltung von Formen und der Entfaltung der Persönlichkeit lässt sich für mich nicht auflösen. Auch nicht durch die Erfahrung mit Seine Heiligkeit Drikung Kyabgön Chetsang. Es bleibt für mich wichtig, dieses Thema im Auge zu behalten.

Grundrichtungen der Persönlichkeit

Grundrichtungen der Persönlichkeit (GPI®) ist ein Konzept, das Menschen nicht in Typen einteilt, sondern von der Einheit der Persönlichkeit ausgeht. Denn jede Person ist ein Individuum (eine unteilbare Ganzheit). Im Rahmen dieser Einheit gibt es je nach Individuum unterschiedlich stark ausgebildete Finalitäten (grundsätzliche Zielrichtungen). Diese zu kennen kann sehr hilf- und aufschlussreich sein.

Alfred Adler (commons.wikimedia.org)
Alfred Adler (commons.wikimedia.org) – gemeinfrei

Ob die Ausprägung der Grundrichtungen veränderbar oder längerfristig stabil ist, interessiert mich zunächst weniger als diese zu erkennen und im Alltag zu nutzen. Die Beschäftigung mit diesem Gebiet erhöht die Selbst- und Sozialkompetenz und das ist mir wichtig. Daher besuche ich zu diesem Thema zurzeit eine Coaching Ausbildung bei Urs Bärtschi (Coachingplus GmbH). Sein Buch „Ich bin meiner eigener Coach“ weist schon darauf hin, dass ein zentrales Anliegen dieser Ausbildung die Steigerung der Coachingkompetenz gerade auch im Umgang mit sich selbst ist. Das Konzept der „GPI“ basiert auf der Individualpsychologie von Alfred Adler (1870-1937). Diese ist für Bärtschi die Grundlage seines Coachings.

Nach meinem (bisherigen) Verständnis geht es Adler vor allem darum, das Streben nach Selbstwirksamkeit als natürlich zu begreifen. Zudem ist bei Adler Selbstwirksamkeit einerseits eine Grundvorraussetzung für ein (psychisch) gesundes Leben, andererseits ist sie auch das Mittel, mit dem sich ein Individuum in der Welt zum Ausdruck bringt und zeigt. Sie ist also auch eine Voraussetzung für die Erkenntnis der Kräfte des Individuums.

Entsprechend findet man bei Bärtschi Anliegen wieder, die auf die Stärkung und Ermutigung der Person zielen. Dazu gehören Leitsätze wie: Mut tut gutStärken stärken; So wie ich bin, bin ich gut genug; Du kannst mehr als du denkst. Diese einfachen Sätze sind zugleich wohltuend und Richtung weisend. Sie haben auch prophylaktischen Charkater. Denn Störungen der Selbstwirksamkeit können zu Belastungssymptomen führen, die auch als psychische Krankheit erscheinen können.

Eine psychologische Behandlung im Sinne von Adler zielt daher auf die Wiederherstellung der Selbstwirksamkeit ab. Diesen Ansatz kann man auch im Coaching nutzen.

Coaching zielt (für mich) grundsätzlich darauf ab, Menschen bei der Entfaltung ihrer Selbstwirksamkeit zu unterstützen. Mit der Analyse und Beschreibung der Grundrichtungen der Persönlichkeit bekommt man ein inneres Koordinatensystem. Dieses zeigt einerseits potenzielle Zielkonflikte in der je eigenen persönlichen Grundstruktur.  Andererseits verdeutlicht sie vermeintliche Konflikte in den Beziehungen zu anderen Menschen, die sich aus dem Aufeinandertreffen und Zusammenwirken verschiedener Ausrichtungen ergeben können. Diese müssen jedoch keineswegs inhaltliche Ziele behindern, wenn es gelingt, die verschiedenen Grundrichtungen für Synergien zu nutzen.

Die grob vereinfachenden Begriffe der „GPI“ führen zunächst vom eigentlichen Erfassen der impliziten Finalitäten (inhärenten Zielsetzungen) weg und aktivieren vielleicht zu leicht Klischees. Das ist wenig hilfreich, wenn man es gewohnt ist, sich auf Begriffe abzustützen. Wenn man jedoch die dynamischen Prinzipien begreift, kann ein einfaches Label eine Gedankenstütze für eine Erfahrung sein. Diese muss man allerdings zuerst gewinnen.

Bei der Besprechung der je eigenen Grundausrichtung(en) ist es daher wichtig, sich zuerst einmal die Dynamik der Felder zu vergegenwärtigen und mithilfe von Qualitäten eine Selbstbeschreibung oder -analyse zu formulieren. Denn diese erlaubt eine erlebnis- und nicht verstandesorientierte Erfahrung. Daraus ergibt sich eine gute Grundlage für die motivierende Betrachtung des eigenen Profils.

Die Grunddynamiken verteilen sich auf einem Koordinatensystem, das ähnlich den vier Himmelrichtungen, den vier Temparementen oder den vier Elementen bestimmte Qualitäten zeigt. In dem GPI-Testverfahren wird dieses System genutzt, um die Grundausrichtungen in der Persönlichkeit auszuzeichnen. Ein (leeres) Beispiel für so einen Auswertungsbogen sieht man hier.

GPI - Koordinantensystem
Urs Bärtschi: GPI® – Koordinantensystem

Auf der Webseite von Martina Röhner findet man ein ausgefülltes Beispiel sowie eine kurze Charakterisierung der vier Grundausrichtungen. Röhner macht den so naheliegenden Fehler diese als Typen zu beschreiben. Ich charakterisiere sie hier auf dieser Basis jedoch wie zuvor beschrieben als Richtungen:

• Die Konsequente Richtung will strikt und genau auf Regelungen achten.
• Die Freundliche Richtung will Kompromiss- und hilfsbereit sein.
• Die Geschäftige Richtung will mit vielen guten Ideen gern neue Wege beschreiten.
• Die Gemütliche Richtung will mit bewährtem System für (innere) Stabilität sorgen.

Auf die Einzelheiten und weiteren Charakterisierungen einzugehen führt an dieser Stelle natürlich zu weit.

Die Betrachtung innerer Qualitäten und Spannungen der profilbildenden Ausrichtungen in diesem System hat bei mir stets eine Überraschung mit Aha-Effekt ausgelöst. Sowohl bei der Betrachtung meiner eigenen Auswertung als auch bei Menschen, für die ich schon eine Auswertung anschauen und besprechen durfte.

Zunächst geht es mir um eine weitere Vertiefung der Einsichten in dieses innere psychische (Koordinaten-)System und die Möglichkeiten der Nutzung in Beratungs- und Reflexionsgesprächen. Spannend wird die Vertiefung im Hinblick auf die Begegnung unterschiedliche und auch auch sehr ähnlicher Profile. Die Frage: Was passiert wenn gleich und gleich aufeinandertreffen? kann hilfreich sein. Vor allem wenn man zwei mögliche Optionen bedenkt: Werden sich die Qualitäten gegenseitig steigern oder wird es zu Ausgleichsbewegungen kommen?

Für mich selber habe ich festgestellt, dass es in meinem Leben situative Unterschiede gibt: Es kommt eben darauf an. Das finde ich motivierend, denn es macht deutlich, dass es immer auch auf die Situation ankommt. Es macht also Sinn, sich die jeweilige Situation möglichst konkret zu vergegenwärtigen. Der Schlüssel zur Lösung von Fragen und Problemen liegt – lebenspraktisch gesehen – in den realen Verhältnissen, innerlichen wie äusserlichen.

Rudolf Steiner als Coach

Rudolf Steiner (1861-1925) konnte für mich nicht persönlich als Coach wirken. So geht es korrekter um eine Art Selbstcoaching mithilfe von Rudolf Steiner. Zur Untersützung dieses Selbstcoachings dienen mir Schriften, Kunstwerke und Menschen, die selber den Anregungen von Rudolf Steiner folgten oder folgen.

Rudolf Steiner - Wikimedia Commons
Rudolf Steiner 1907 – Wikimedia Commons

Ich hatte das grosse Glück, dass mich mein Interesse an den Arbeiten von diesem Mann mit Menschen zusammengeführt hat, die Rudolf Steiner persönlich kannten. Meine wichtigste Begegnung war dabei die Freundschaft mit Friedrich Hiebel (1903-1989). Ich konnte sein letztes Lebensjahr mit ihm zusammen verbringen und vieles von seinen Erfahrungen mit Rudolf Steiner persönlich erfahren. Hiebel war Teilnehmer diverser Veranstaltungen mit Rudolf Steiner und wurde bereits als Jugendlicher sein persönlicher Schüler. Unter anderem verdankte Hiebel den Übungen, die ihm Steiner gab, die Überwindung seines jugendlichen Stotterns. Hiebel war Teilnehmer der sogenannten Weihnachtstagung und wurde in den 1960er Jahren Vorstand der Freien Hochschule  und Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft am Goetheanum.

In diesem kurzen Beitrag möchte ich nicht viel mehr, als einen Eindruck korrigieren, der aus der Übersicht der von mir aktuell verfügbaren Beiträge entstehen kann. Denn zurzeit bin ich weniger mit den Werken Rudolf Steiners direkt befasst, als vielmehr mit Werken und Traditionen, die in Indien entstanden sind. Dabei beschäftigen mit vor allem die Traditionen von Shankara und Gautama Buddha sowie Padmasambhava und Milarepa.

Ich verfolge in diesen Studien und der aktiven Auseinandersetzung mit diesen Traditionen den Weg weiter, auf den ich durch Rudolf Steiner gestossen bin. Nachdem ich mich über viele Jahre mit Studien zum Werk und zu den Übungen von Rudolf Steiner befasst hatte,  wurde die Ausdehnung meiner Studien für mich zwingend. Parallel zu meinen Studien zu Rudolf Steiner hatte ich zunächst christliche Traditionen studiert und mich mit der Mystik des Abendlands befasst. Dabei führte mich insbesondere die Beschäftigung mit den Kreuzzügen zu interessanten Einsichten in die Geschichte des Kirchenbaus. Vor allem die Erfindung der Kathedralbauten führte mich weiter in Richtung Osten.

Rudolf Steiner selber nutzte für seine Goethanumbauten Konzepte, die auf den antiken Tempelbau in Jerusalem zurück gingen. In der Anthroposophie Rudolf Steiner laufen überhaupt verschiedene kulturelle Traditionen zusammen. Diese nannte der in Strömungsphysik bewanderte Steiner auch Mysterienströmungen. Denn Steiner dachte dynamisch und interessierte sich weniger für konkrete Artefakte als für lebendige, heute noch nutzbare Gestaltungsgrundlagen.

Ich habe mir erlaubt, das Werk und die Traditionen der Arbeit von Rudolf Steiner immer wieder darauf zu befragen, wie sie mich bei meinen persönlichen Anliegen unterstützen können. Und dabei ging es selbstverständlich um verschiedene Anliegen und keineswegs um alle. In erster Linie ging es einmal um mein Interesse nach einem tieferen Verständnis der Wirklichkeit. Meine naturwissenschaftlich orientierte Gymnasialbildung konnte mir viele Fragen und Erfahrungen nicht erklären. Am wenigsten galt das für Erfahrungen im Zusammenhang mit einer Nahtodeserfahrung, die ich mit 19 Jahren bei einem lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock machte.

In Rudolf Steiners Arbeiten fand ich zunächst eine Grundhaltung und Grundstimmung wieder, die meiner eigenen grundsätzlich sehr ähnlich ist. Ich erlebte schon bei der ersten Begegnung mit dem Werk Rudolf Steiners eine konkrete Geistesverwandtschaft. Und diese Erfahrung half und hilft mir über die Abgründe, die sich durch die ganz unterschiedliche Zeitsituation und oft auch den Gebrauch der deutschen Sprache ergeben.

Meine erste konkrete Begegnung mit dem Werk von Rudolf Steiner war das Lesen der „Vier Mysteriendramen„. Diese wurden mir zu einem zentralen Studienbuch. Denn sie sind auf vielfältige Weise sehr konkrete Darstellungen im Hinblick auf biografische und spirituelle Lebensthemen. Zudem sind sie eine Art künstlerisch gefasste, umfassende Menschenkunde und Psychologie von Erwachsenen, die sich um die Ausgestaltung ihrer mentalen Kräfte in einem sozialen, europäisch geprägten Kontext kümmern. Natürlich sind die Darstellungen Zeit und Kontext gebunden. Sie bleiben aber relativ leicht in die Gegenwart zu übersetzen.

Der zentrale Anknüpfungspunkt in den Dramen sind Natur- und Geschichtswissenschaft sowie die Tradition der Rosenkreuzer. Letztere haben bei Steiner – meiner Auffassung nach – einen primär aufgeklärten, reformatorischen Grundzug, der allerdings das Rituelle und Symbolische als Wissens- und Informationsträger miteinbezieht. Zudem sind die Symbole von Rose und Kreuz ein Hinweis auf die Offenheit zu östlichen, persisch-indischen Einflüssen. Zudem erscheint mir die Betonung von spiritueller Entwicklung in offenen aber durchaus sozialen Zusammenhängen als zentraler Ausdruck der Einwirkung der christlichen Botschaft der Nächstenliebe auf die älteren Traditionen der Mystik. Denn in den Vier Mysteriendramen wird Gemeinschaft auf der Grundlage von Freundschaft als einer Form der Philia gelebt.

Rudolf Steiner als Coach zu begreifen bedeutet für mich, innerlich einen Raum zu betreten, in dem ich als Mensch mit meiner Situation angenommen bin und mir eine Haltung von kreativer Offenheit entgegen gebracht wird. Der Coach ist weniger ein Dozent oder ein Vermittler von Vorschriften als jemand, der einem dabei hilft, die eigenen Werte und Ziele (wieder) zu finden. Er ist ein in der Regel temporärer und situativ aktiver Begleiter für den eigenen Lebensweg. Er kann ein stabiler Bezugspunkt und eine Art Leuchtturm sein. Denn die Begegnung mit einem Coach vermittelt oft auch Orientierung.

Bei der Auseinandersetzung mit den Herausforderungen meiner Biografie und gerade auch bei der Vertiefung meiner Interessen für das Spirituelle ist mir die Sensibilisierung für Qualitäten, die ich in der Beschäftigung mit Rudolf Steiner erworben habe, immer wieder eine grosse Hilfe. Ohne das indirekte Coaching durch Rudolf Steiner und ohne die Rückzugsmöglichkeit in die von ihm geschaffene Reflexionswerkstatt wäre ich an den Fragen auf diesem Weg mehr als einmal gescheitert.

Durch Rudolf Steiner habe ich entscheidende Anregungen erhalten. Sie zu entwickeln war dabei ganz mir überlassen. Indem ich Rudolf Steiner selber als Mensch in der Auseinandersetzung und keineswegs als am Ende seiner eigenen Entwicklung angekommen betrachte und erlebe, laufe ich nicht Gefahr, einzelne Äusserungen als absolut zu begreifen. Vielmehr verstehe ich viele seiner Formulierungen als Provokationen oder auch Konfrontationen, die zum eigenen Denken und Überprüfen von Einstellungen anregen sollen.

In meinen akademischen Studien habe ich insbesondere von Umberto Eco gelernt, dass die Interpretation von Texten und Werken etwas schwieriges ist. Denn der Lesende ist immer ein Mitgestalter des Gelesenen (vgl. Umberto Eco: Lector in fabula).

Rudolf Steiner ist für mich weniger ein Weisheitsverkünder als vielmehr ein Coach, der anbietet, das man sich in seiner Werkstatt auf eine neue Art mit der Wirklichkeit befasst. Er bietet an, Denkmuster und Paradigmen zu hinterfragen und andere kulturelle Informationen mit zu berücksichtigen. Er arbeitet dabei mit Provokationen und Konfrontationen, die selber Positionen behaupten, die als ewig und überall geltende Erkenntnisse einer näheren Prüfung oft nicht standhalten. Wir leben jedoch nicht in einer Zeit, die das von irgendeiner Wissenschaft oder irgendeinem Denken überhaupt erwartet oder erwarten kann. Vielleicht sehnen wir uns danach, vielleicht haben wir Hoffnung darauf. Und vielleicht gibt es auch wirklich so etwas wie Gewissheit.

Vielleicht bleibt am Ende aber nur eine einzige Gewissheit. Und das könnte die Gewissheit sein, die Moses in der Wüste gefunden hat: Ich bin der ich bin. Denn in allen Lebenssituationen können wir diese Gewissheit finden. Alles andere aber ist im Fluss. Doch das Fliessen selber unterliegt Bedingungen, die wir immer wieder vergegenwärtigen, hinterfragen und teilweise auch mitgestalten können.

Alle andere Arten der Erkenntnis bleiben situativ und perspektivisch gebunden. Und um im Leben zurecht zu kommen, brauchen wir immer wieder neue aber auch bewährte und weiterhin gültige Methoden, Techniken und Grundhaltungen.

Rudolf Steiner hat für mich Räume geöffnet, in denen ich meinen Blick auf mein Leben und auf das Leben überhaupt weiten und beleben kann. Er hat mir gezeigt, dass das Leben und ich selber keineswegs nur mechanisch oder programmatisch zu begreifen sind. Ich begreife seine Arbeit daher als Ausdruck eines dynamischen Denkens und Handelns. Und die Begegnung mit seinen Arbeiten bedeutet für mich sowohl Innehalten als auch Dynamisierung.

Ob Steiner mit dem Begriff des Coachs für mich selber oder überhaupt umfassend gefasst werden kann, ist für mich hier nicht die Frage. Klar ist mir aber, dass mein Begreifen von Rudolf Steiner als Coach mir mehr hilft, sein Werk für mich zu nutzen, als andere Einstellungen ihm gegenüber. Und persönlich bin ich sehr dankbar, dass ich sein Werk kennen gelernt habe und viele seiner Anregungen in meinem Leben erproben, verwerfen oder integrieren kann.

Samsara ist defekt

Eine der Lieblingsbelehrungen, die ich im tibetischen Buddhismus erhalten habe, lautet: Samsara ist defekt. Wir leben in einer Welt, die in der Buddhistischen Weisheit als Eigenschaft hat, dass sie defekt ist. Sonderbarerweise erwarten wir von dieser Welt immer wieder Perfektion. Und immer wieder zeigt sich, dass Perfektion im Samsara nur eine Illusion ist. Sie ist unmöglich. Denn Samsara ist defekt.

Wellcome Library, London
Wellcome Library, London CC 4.0 – Detail of Yama, Lord of Death

An der Lehre von Samsara (Unglücklichsein) und Nirvana (Glücklichsein) gefällt mir, weil sie zeigt, das wir mit unseren Wünschen und Ansprüchen  in einer Welt leben, die uns nicht dauerhaft glücklich machen kann. Denn die Welt in der wir Leben ist aus sich heraus defekt. Und dieser Defekt führt dazu, dass wir immer wieder unglücklich werden. Das ist sozusagen ganz natürlich und normal.

Was mich ebenso überzeugt ist, dass diese Lehre sagt, dass alle empfindenden Wesen das Leiden oder Unglücklichsein kennen. Und sie (wir) mögen es nicht. Daher ist es ein natürlicher Trieb für alle empfindenden Wesen, Leiden und Unglücklichsein zu vermeiden und nach Glücklichsein zu streben. Ich denke die Verfassung der USA sagt daher die Wahrheit, dass alle Menschen ein Recht haben, nach Glück zu streben. Denn das entspricht der natürlichen Ordnung und Reaktion auf das Unglücklichsein.

Dennoch besagt die eigentliche Lehre von Samsara und Nirvana etwas anderes. Denn es geht nicht darum, das Nirvana zu erreichen. Denn obwohl es natürlich ist, den Wunsch zu haben, Samsara zu verlassen, so ist der Wunsch, im Nirvana zu bleiben, eigentlich nicht natürlich. Denn der Zustand des Glücklichseins lebt von der Erfahrung des Unglücklichseins. Wenn das Mass des Erlebten Unglücks erschöpft ist, wird das Glücklichsein bedeutungslos. Dann entsteht ohne die Kenntnis eines dritten Zustand ganz natürlich wiederum eine Sehnsucht nach Samsara. Denn Samsara hat einem ja das Erleben von Nirvana ermöglicht. Um also wieder im Nirvana sein zu können, braucht es eine neue Erfahrung von Samsara.

So denke ich. Auch wenn einige das alles vielleicht anders verstehen. Es gibt auch keine Autorität oder Quelle, auf die ich mich direkt beziehe. Das ist einfach das, was ich jetzt dazu denke, nach einigen Jahren des Denkens und Nachdenkens und Beobachtens und Mitfühlens und Experimentierens mit mir selber.

Was also ist die Alternative? Die Alternative ist eigentlich ganz einfach. Denn die Lösung ist im Spiel von Samsara und Nirvana bereits sichtbar anwesend, zumindest wenn man die von mir hier verwendeten deutschen Begriffe nimmt:

Unglücklichsein und Glücklichsein

Was es braucht, ist dasjenige, was weder glücklich noch unglücklich an sich ist aber sowohl glücklich als unglücklich sein kann. Hahahahaho, ganz klar, das Sein. Es geht also darum, das Sein zu entwickeln, zu erfassen, zu stabilisieren, zu etablieren, auszukosten, zu erfahren oder eben doch das alles nicht, sondern einfach nur: sein.

Und wenn ich mich dabei erwische, dass ich unglücklich bin, dann probiere ich mich immer wieder daran zu erinnern, dass Samsara defekt ist. Und wenn ich glücklich bin, dann probiere ich zu denken: Ja, Nirvana ist perfekt. Aber nicht dauerhaft. Dauerhaft bin nur ich. Mein Sein.

Das erinnert mich nun ganz stark an meine Erfahrungen mit der Gelassenheitsübung von Rudolf Steiner. Es ist einer der so genannten Nebenübungen zur Unterstützung der eigenen Entwicklung und Entfaltung. Ich finde, Steiner hat da ganz gute Tipps entwickelt, wie man sich selbst beim Schopfe packen kann. Auch wenn die Art der Darstellung und die Formulierung des Vorgehens nicht mehr ganz aktuell wirken …

Ich zitiere hier mal einen Teil des Eintrags „Gelassenheit“ bei Anthrowiki:

„Gelassenheit ist die dritte der Nebenübungen, die nach Rudolf Steiner unerlässliche Voraussetzung dafür sind, einen geistigen Schulungsweg gehen zu können. Es wird dadurch die Gleichmut des Gefühls erreicht.

‚Im dritten Monat soll als neue Übung in den Mittelpunkt des Lebens gerückt werden die Ausbildung eines gewissen Gleichmutes gegenüber den Schwankungen von Lust und Leid, Freude und Schmerz, das «Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt» soll mit Bewusstsein durch eine gleichmässige Stimmung ersetzt werden. Man gibt auf sich acht, daß keine Freude mit einem durchgehe, kein Schmerz einen zu Boden drücke, keine Erfahrung einen zu masslosem Zorn oder Ärger hinreisse, keine Erwartung einen mit Ängstlichkeit oder Furcht erfülle, keine Situation einen fassungslos mache, usw., usw. Man befürchte nicht, dass eine solche Übung einen nüchtern und lebensarm mache; man wird vielmehr alsbald bemerken, dass an Stelle dessen, was durch diese Übung vorgeht, geläutertere Eigenschaften der Seele auftreten; vor allem wird man eines Tages eine innere Ruhe im Körper durch subtile Aufmerksamkeit spüren können; diese giesse man, ähnlich wie in den beiden oberen Fällen, in den Leib, indem man sie vom Herzen nach den Händen, den Füssen und zuletzt nach dem Kopfe strahlen lässt. Dies kann natürlich in diesem Falle nicht nach jeder einzelnen Übung vorgenommen werden, da man es im Grunde nicht mit einer einzelnen Übung zu tun hat, sondern mit einer fortwährenden Aufmerksamkeit auf sein inneres Seelenleben. Man muss sich jeden Tag wenigstens einmal diese innere Ruhe vor die Seele rufen und dann die Übung des Ausströmens vom Herzen vornehmen. Mit den Übungen des ersten und zweiten Monats verhalte man sich, wie mit der des ersten Monats im zweiten.‘ (Lit.: GA 245 (1968), S 15 ff)“